Was passiert eigentlich, wenn keine Sonne scheint und auch der Wind nicht weht? Fehlen Sonne und Wind, können erneuerbare Energien keinen Strom erzeugen. Doch neben Wind- und Solarenergie hat sich in den vergangenen Jahren eine dritte entscheidende Technologie entwickelt, die dafür eine Lösung bieten könnte: Speicher.
Speicher revolutionieren die Energiewende
Speichertechnologien haben in den vergangenen fünf Jahren enorme Fortschritte gemacht. Großspeicherprojekte könnten überschüssigen Strom aus Wind- und Solaranlagen inzwischen in großem Umfang zwischenspeichern – und so auch nachts, im Winter oder an wind- und sonnenarmen Tagen erneuerbaren Strom bereitstellen.
Diese Entwicklungen fasst ein aktueller Report der Internationalen Agentur für erneuerbare Energien (Irena) zusammen. „Heute können die Erneuerbaren rund um die Uhr Strom liefern“, schreibt Francesco La Camera, Generaldirektor der Organisation, die 2009 als Parallelorganisation zur Internationalen Energieagentur (IEA) gegründet wurde.
„Die ökonomischen Rahmenbedingungen des gesamten Energiesystems haben sich verschoben: Die Batterierevolution hat die Kosten gesenkt und zugleich die Fortschritte bei der Energiespeicherung beschleunigt.“
Dänemark und Norwegen als Vorreiter
Dass ein nahezu vollständig erneuerbares Stromsystem möglich ist, zeigen laut Energiedienstleister Montel vor allem Dänemark und Norwegen. Beide Länder könnten bis 2030 mehr als 100 Prozent ihrer Stromnachfrage aus erneuerbaren Energien decken.
Dänemark profitiert dabei besonders von der Windenergie, die 2025 fast 60 Prozent der Stromerzeugung ausmachte. Hinzu kamen Solarenergie mit rund 14 Prozent sowie Biomasse mit knapp 19 Prozent.
In Norwegen bildet vor allem die Wasserkraft das Rückgrat des Stromsystems: Fast 90 Prozent des Stroms stammen dort aus Wasserkraft, weitere 8,6 Prozent aus Windenergie.
Deutschland braucht starke Netze und Speicher
Deutschland kann sich allerdings nur bedingt an diesen Ländern orientieren: Das Land verfügt weder über außergewöhnlich gute Wind- noch Solarbedingungen und hat zugleich eine große Bevölkerung sowie eine starke Industriebasis.
Laut Irena ist deshalb vor allem der Ausbau regionaler Stromnetze und internationaler Kooperationen entscheidend. „Die Verknüpfung von Stromsystemen über unterschiedliche Wetterzonen hinweg glättet die Schwankungen, verringert das Ausmaß gleichzeitiger Versorgungsengpässe und senkt die systemweiten Absicherungskosten“, heißt es im Bericht.
Darüber hinaus sieht Irena weitere Möglichkeiten für ein vollständig erneuerbares Stromsystem in Mitteleuropa. Eine zentrale Rolle spielt dabei die sogenannte Überbauung: An einzelnen Standorten werden Solar-, Wind- und Batteriesysteme stärker ausgebaut, als eigentlich für die lokale Stromnachfrage nötig wäre. Hintergrund ist die Annahme, dass es nur selten gleichzeitig maximale Sonneneinstrahlung und starken Wind gibt. Die Technologien ergänzen sich also je nach Wetterlage.
Der Kipppunkt der Energiewende?
In vielen Ländern – darunter China, Brasilien und Indien – liefern hybride Stromsysteme laut Bericht bereits heute rund 95 Prozent der Zeit erneuerbaren Strom. Reservekraftwerke würden nur noch für die verbleibenden fünf Prozent benötigt.
Irena-Chef Francesco La Camera sieht deshalb einen Wendepunkt erreicht. Gegenüber der „Financial Times“ sagte er: „Es gibt keinen Wettbewerb zwischen fossilen Brennstoffen und erneuerbaren Energien mehr.“
Der eigentliche Wettbewerb bestehe inzwischen darin, „wer am schnellsten in Richtung Erneuerbare geht“.
